„Digitaler, personalisierter und interaktiver“

Michael Then, Gräfe und Unzer
In zehn Jahren – also im Jahr 2036 – wird das Buchbusiness digitaler, personalisierter und interaktiver sein, aber das gedruckte Buch bleibt bestehen.
Werden Menschen noch lesen?
Ja, absolut. Das Bedürfnis nach Geschichten, Wissen und mentalem Rückzug (Digital Detox) bleibt stark. Allerdings verändern sich die Formate. Es wird eine Koexistenz aus gedruckten Büchern, E-Books und stark wachsenden Audio-Formaten (Hörbücher und Podcasts) geben. Das „Deep Reading“ – also das konzentrierte Lesen langer Texte – wird zu einem bewussten Statussymbol und Luxusgut im Kontrast zu Hybrid-Formaten gerade im Sachbuch-, Ratgeber- oder Lifestyle-Bereich. Hier werden sich bisher getrennte Ausgabe-Formate schließen und Inhalte zu ganzheitlichen Erlebnissen machen Wird AI Bücher schreiben?
Ja, aber mit einer klaren Trennung. KI-Systeme werden in zehn Jahren einen großen Teil des Marktes prägen, allerdings differenziert nach Genre:
KI-generierte Gebrauchsbücher: Sachbücher, Ratgeber, personalisierte Kinderbücher werden zu einem großen Teil komplett oder halbautomatisch von KI geschrieben. Hier sticht Aktualität Stil.
KI als Co-Pilot: Renommierte Autoren nutzen KI als hochentwickeltes Werkzeug für Recherche, Plot-Strukturierung und Grammatik.
Das Premium-Mensch-Zertifikat: Hochwertige Belletristik, tiefgründige Essays und Lyrik werden weiterhin von Menschen geschrieben. „Von Menschen verfasst“ wäre dann das Qualitätssiegel, für das Leser bereit sind, mehr Geld zu bezahlen.
Wird es noch Buchhandlungen geben?
Ja, aber sie verändern ihr Konzept. Reine Abhol- und Lagerbuchhandlungen sterben aus, da der Online-Handel diesen Part schneller erledigt. Überleben werden zwei Typen von Buchläden:
Der „Dritte Ort“ (Kulturlokale): Buchhandlungen fungieren als Zentren für Begegnung. Sie kombinieren den Buchkauf mit Cafés, Weinbars, Lesekreisen und exklusiven Autoren-Events. Man geht dorthin für das Erlebnis, nicht nur für das Produkt. Dort werden Kunden aber auch individualisierte Produkte bestellen, in einer bestimmten Verpackung oder Ausstattung.
Kuratierte Boutique-Läden: Kleine, hochspezialisierte Läden, die durch die persönliche Expertise der Buchhändler eine treffsichere Vorauswahl für ihre Zielgruppe treffen.
Wie verändert sich das Business sonst?
Print-on-Demand (PoD): Anstatt Tausende Bücher auf einen möglichen Verkaufserfolg zu drucken und zu lagern, werden physische Bücher erst in der Sekunde gedruckt, in der sie bestellt werden – direkt in der Buchhandlung, und zwar in der Form, in der der Kunde sich das wünscht.
Multimediales Lesen: Bücher und E-Books werden interaktiver. Entsprechende Software verbindet digitale Tools wie Smartphone, Tolino oder Tablets mit Audio-, Video- oder interaktiven Werkzeugen, Inhalte werden liquid und aktuell.
Zukunftsszenario für den Ratgeber-Bereich: Das Ende des starren Textes
Der klassische, gedruckte 200-Seiten-Ratgeber ist im Jahr 2036 weitgehend ausgestorben. Er wurde durch das „Dynamic & Personalized Book“ ersetzt. So wird ein Ernährungsratgeber im Jahr 2036 so aussehen:
Der Kauf: Du kaufst keine statischen Seiten, sondern den Zugriff auf eine dynamische Wissensbasis eines Experten. Verlage arbeiten mit Abo-Modellen, ähnlich Streaming-Anbietern.
Die Personalisierung: Beim Öffnen verknüpft sich das „Buch“ (auf deinem Device) über eine Schnittstelle mit deinen Gesundheitsdaten (Smartwatch, Blutwerte).
Der Inhalt: Das Buch schreibt sich für dich jede Woche neu. Hast du schlecht geschlafen, passt der Ratgeber das heutige Trainingskapitel automatisch an. Das Buch „spricht“ im Chat oder per Sprachausgabe mit dir, beantwortet deine Fragen im Kontext deines Lebens und motiviert dich basierend auf deiner psychologischen Struktur.
Die Aktualität: Der Autor füttert die KI-Basis des Ratgebers permanent mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dein Ratgeber veraltet nie, sondern aktualisiert sich im Hintergrund wie eine App.
Michael Then verantwortet seit 1. Oktober 2024 den Bereich Lizenzen und Content Solutions bei Gräfe und Unzer. Zuletzt war Then bei Weltbild als Leiter Category Management Media tätig. Foto: Canon Europe