„Orte geteilter Aufmerksamkeit schaffen“

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Thomas Rathnow, Stiftung Lesen

„Video Killed the Radio Star“ – der Star stirbt, nicht das Radio. Der Song weiß mit Marshall McLuhan: Neue Medien beseitigen ihre Vorgänger nicht einfach. Sie verändern die Aufmerksamkeitsordnung – welche Stimmen gehört werden, wovon ihre Urheber leben können, vor allem aber formen sie die Inhalte. So wird KI auf das Kommunikationssystem Buch wirken.

Gutenberg löste das Problem der Knappheit von Texten. KI schafft das Problem ihres Überflusses: Erstmals lassen sich Texte und Geschichten praktisch unbegrenzt und zu minimalen Kosten erzeugen, bald auf einem Niveau, bei dem nicht mehr erkennbar ist, ob sie menschlich oder maschinell entstanden sind. Damit werden Orientierung und geteilte Aufmerksamkeit knapp – Voraussetzungen kritischer Öffentlichkeit. KI kann für jeden auswählen und erzeugen, was zu ihm passt. Eine liberale Demokratie aber braucht Räume, in denen sich die Gesellschaft über sich selbst verständigt, indem viele sich mit relevanten Geschichten, Ideen und Argumenten auseinandersetzen und darüber austauschen.

Hier liegt eine neue alte Aufgabe der Verlage: im unendlichen Strom auszuwählen, Qualität zu verbürgen und Orte geteilter Aufmerksamkeit zu schaffen. Nicht mehr Gatekeeper knappen Zugangs, sondern Ermöglicher von Öffentlichkeit. Dafür müssen sie KI offensiv nutzen und die kulturellen und ökonomischen Bedingungen sichern, unter denen unverwechselbare Autor:innenstimmen ein Publikum gewinnen können.

Ceterum censeo: Frühe Leseförderung für alle Kinder! Das ist Voraussetzung für die Zukunft des Publishing.

 

Thomas Rathnow ist seit 2025 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lesen und als Gründer der Thomas Rathnow Literatur- und Medienagentur Berater und Vermittler in Verlagsprojekten. Er war zuletzt CEO der Verlagsgruppe Penguin Random House (PRH) in Deutschland.

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