Das gedruckte Buch verliert sein Monopol

Bitkom-Studie zum Leseverhalten 2026 zeigt bei tieferer Recherche dann doch fundamentale Änderungen

Kurz vor der Frankfurter Buchmesse hat der Digitalverband Bitkom neue Zahlen zum Leseverhalten in Deutschland vorgelegt. 55 Prozent der Menschen ab 16 Jahren lesen demnach zumindest hin und wieder E-Books, so viele wie nie zuvor in der Erhebungsreihe – vor vier Jahren waren es nur 37 Prozent. In der Altersgruppe 16 bis 29 Jahre sind es sogar rund zwei Drittel (64 Prozent). Bitkom betont in seiner Mitteilung, dass auch Print weiter beliebt sei. Ein Blick in die Detailgrafiken zeigt allerdings eine deutliche Verschiebung. Das gedruckte Buch verliert kaum an Reichweite, aber massiv an Exklusivität.

Veröffentlicht: 1.10.2026 | Fotos: Bitkom, Magnific

Der aufschlussreichste Vergleich steckt in einer Grafik, die die Jahre 2026 und 2022 gegenüberstellt. Vor vier Jahren lasen 48 Prozent der Befragten ausschließlich gedruckte Bücher. Heute sind es nur noch 30 Prozent. Im selben Zeitraum stieg der Anteil derer, die mehr E-Books als gedruckte Bücher lesen, von 8 auf 19 Prozent. Wer überwiegend oder ausschließlich digital liest, macht inzwischen 23 Prozent der Bevölkerung aus. 2022 waren es 10 Prozent.

Die Reichweite des gedruckten Buchs bleibt davon nahezu unberührt. Zählt man alle zusammen, die zumindest auch gedruckt lesen, kommt man 2026 auf 81 Prozent, 2022 waren es 83 Prozent. Ausschließlich E-Books lesen nur 4 Prozent.

Unverändert ist auch die Größe des Lesepublikums. In beiden Jahren greifen 85 Prozent zumindest gelegentlich zu einem Buch, der Anteil der Nichtlesenden liegt stabil bei 12 bis 13 Prozent. Heißt im Umkehrschluss: Das E-Book erschließt also keine neuen Leserinnen und Leser. Es verändert lediglich, wie die Bestehenden lesen.

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Print-Treue ist keine Altersfrage

Besonders stark wächst die E-Book-Nutzung laut Bitkom bei den Älteren. Unter den Menschen ab 65 Jahren lesen 42 Prozent zumindest gelegentlich digital, im Vorjahr waren es 33 Prozent und 2022 nur 13 Prozent. Bei den 16- bis 29-Jährigen liegt der Wert bei 64 Prozent, in den mittleren Altersgruppen bei 59 und 60 Prozent. Die Mitteilung spricht von fast doppelt so vielen Jungen wie Älteren. Tatsächlich liegt der Wert der Jüngsten rund anderthalbmal so hoch.

Aufschlussreich ist, wer ausschließlich gedruckt liest. Dieser Anteil liegt in allen Altersgruppen eng beieinander, zwischen 27 und 33 Prozent. Der niedrigere E-Book-Wert der Älteren erklärt sich vor allem dadurch, dass 29 Prozent der über 65-Jährigen überhaupt keine Bücher lesen. Unter den Lesenden dieser Altersgruppe nutzen rund sechs von zehn auch E-Books.

Die Älteren setzen das E-Book allerdings vor allem ergänzend ein. Nur 9 Prozent der über 65-Jährigen lesen überwiegend oder ausschließlich digital. Bei den 16- bis 29-Jährigen sind es 34 Prozent. Frauen lesen mit 58 Prozent etwas häufiger E-Books als Männer mit 53 Prozent.

Eine Erklärung für den Zuwachs bei den Älteren liefert eine Befragung aus dem Jahr 2024. Damals nannten 61 Prozent der E-Book-Lesenden ab 65 Jahren die anpassbare Schriftgröße als Grund für das digitale Lesen. In den anderen Altersgruppen waren es 37 bis 41 Prozent. „Auch deshalb ist digitales Lesen längst keine Frage des Alters mehr“, sagt Dr. Sebastian Klöß, Bitkom-Experte für Consumer Technology.

Mehr Käufer, höhere Ausgaben

Warum Menschen E-Books lesen, hat Bitkom zuletzt 2024 erhoben. Ganz vorn liegt der Zugriff auf die eigenen Bücher von überall (84 Prozent). Es folgen der geringere Platzbedarf (70 Prozent), der schnelle Bezug neuer Titel (66 Prozent) und das geringe Gewicht (59 Prozent). Lesen im Dunkeln (44 Prozent) und die anpassbare Schriftgröße (42 Prozent) spielen ebenfalls eine Rolle. Zusatzfunktionen wie Suchen, Übersetzen oder Markieren nennt nur rund ein Viertel.

Wer gedruckt, aber nicht digital liest, vermisst vor allem das Gefühl von Papier (62 Prozent). Knapp die Hälfte stört, dass sich E-Books schlecht weitergeben lassen (49 Prozent) oder dass ein leerer Akku das Lesen beendet (48 Prozent). Komplizierte Technik nennen nur 18 Prozent, unter den über 65-Jährigen 23 Prozent.

Die Gründe unterscheiden sich stark nach Alter. Bei den 50- bis 64-jährigen Nicht-Nutzern dominiert die Haptik mit 72 Prozent. Die 16- bis 29-Jährigen nennen dagegen am häufigsten das fehlende Verleihen (62 Prozent), zu viel Zeit vor dem Bildschirm (48 Prozent) und zu teure Reader (41 Prozent). Für einen Teil der Jungen ist das gedruckte Buch offenbar auch eine bewusste Auszeit vom Display.

Social Media poliert das Image des Lesens

Ergänzend veröffentlicht Bitkom Ergebnisse aus dem Jahr 2025 zur Rolle sozialer Netzwerke. Befragt wurden Social-Media-Nutzende ab 16 Jahren. 58 Prozent finden, dass Beiträge und Empfehlungen zu Büchern dem Lesen ein moderneres Image verschaffen. Bei den 16- bis 29-Jährigen sind es 64 Prozent.

Zugleich sehen 39 Prozent das Lesen als Hobby durch soziale Netzwerke verdrängt. Frauen teilen diese Sorge mit 44 Prozent deutlich häufiger als Männer mit 34 Prozent. 29 Prozent haben schon einmal ein Buch gelesen, das ihnen in sozialen Netzwerken empfohlen wurde. 22 Prozent folgen Bookfluencern, Autorinnen und Autoren oder Literatur-Accounts.

Als wichtigste Inspirationsquelle für neue Bücher nennen soziale Netzwerke nur 16 Prozent, bei den über 65-Jährigen 5 Prozent. Bemerkenswert ist, dass die 50- bis 64-Jährigen mit 26 Prozent häufiger Literatur-Accounts folgen als die Jüngsten mit 21 Prozent. Der Abstand liegt allerdings im Bereich der statistischen Unschärfe.

Einordnung und Methodik

Die Studie zeichnet ein Lesepublikum, das nicht zwischen Print und digital wählt, sondern beides kombiniert. Für Verlage heißt das, dass das E-Book kaum neue Zielgruppen bringt, aber zunehmend zahlende Kundschaft innerhalb der bestehenden. Die Schlagzeile vom weiter beliebten Print stimmt mit Blick auf die Reichweite. Sie überdeckt jedoch, wie schnell das reine Print-Lesen an Boden verliert.

Grundlage der aktuellen Zahlen ist eine telefonische Befragung von 1.006 Personen ab 16 Jahren, die Bitkom Research zwischen der 28. und 32. Kalenderwoche 2026 durchgeführt hat. Die Fehlerspanne gibt Bitkom mit plus/minus 3 Prozentpunkten an. Für einzelne Altersgruppen ist die Unschärfe größer. Die Angaben zu den Gründen stammen aus der Erhebung 2024 (n = 1.007), die zu sozialen Netzwerken aus 2025 (n = 1.003).

Das gedruckte Buch verliert sein Monopol