530 Roboter für das nächste Kapitel
Thalia rüstet sich in Marl für das nächste Wachstum
Veröffentlicht: 14.10.2026 | Foto / Video: Thalia
Thalia hat im Geschäftsjahr 2025/26 auf seiner Plattform 2,3 Milliarden Euro umgesetzt und wächst damit gegen den Branchentrend. Damit das so bleibt, hat der Buchhändler in Marl für rund 100 Millionen Euro einen Omni-Channel-Hub gebaut. Herzstück ist das größte AutoStore-System Deutschlands mit 530 Robotern und 280.000 Behälterstellplätzen.
Wachstum im schwachen Markt
Die Thalia Plattform, zu der alle Partnerunternehmen in der DACH-Region zählen, hat im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 2025/26 rund 2,3 Milliarden Euro umgesetzt. Das sind 4,5 Prozent mehr als im Vorjahr, als es 2,2 Milliarden Euro waren. Wachstumstreiber ist das Online-Geschäft mit einem Plus von mehr als 6 Prozent, das stationäre Geschäft legt um 1,4 Prozent zu. Der Buchumsatz steigt um 2 Prozent, buchnahe Sortimente wie Papeterie und Geschenkartikel wachsen um gut 6 Prozent. Bei E-Books liegt das Plus bei rund 7 Prozent, bei Hörbüchern bei rund 22 Prozent.
Auch das Netzwerk wächst. Es umfasst inzwischen 613 Buchhandlungen, 42 mehr als im Vorjahr, getragen auch vom Partnermodell für den inhabergeführten Buchhandel. Hinzu kommen 41 Spielwarenfachgeschäfte, die schrittweise unter der Marke „Spielzeit by Thalia“ firmieren. Ingo Kretzschmar, Vorsitzender der Geschäftsführung, sieht darin Rückenwind, weil Thalia „deutlich gegen den Branchentrend“ wachse.
Für die Logistik hat dieses Wachstum eine klare Richtung. Es kommt vor allem aus Online und aus Sortimenten jenseits des Buchs, im Hub in Marl machen Nonbook-Artikel nach Angaben von Head of Operations Tobias Bizorek etwa 30 Prozent aus, Bücher rund 70 Prozent. Marco Rebohm, Geschäftsführer Supply Chain & Logistik, hatte schon im Mai 2025 betont, man brauche angesichts des stetigen Wachstums und des Sortimentsausbaus „zukunftsfähige, skalierbare Technologien“.
Ein Hub auf der alten Zeche
Am 1. Oktober 2026 hat Thalia den Omni-Channel-Hub im Gewerbegebiet gate.ruhr in Marl offiziell eröffnet. Er steht auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage Auguste Victoria 3/7, auf der bis 2015 Kohle gefördert wurde. Weil unter dem früheren Kraftwerk Fundamente im Boden lagen, entschied man sich, das gesamte Areal aufzuschütten. Standortleiter Andreas Hennig spricht von 30.000 Lkw-Ladungen.
Die Immobilie umfasst rund 56.000 Quadratmeter mit fünf Hallen und einem Bürogebäude. Thalia hat nach eigenen Angaben rund 100 Millionen Euro investiert. Projektentwickler war ECE Work & Live, seit März 2026 ParkProperty Europe, Generalunternehmer Goldbeck. Auf den Spatenstich im Dezember 2024 folgte das Richtfest im Juni 2025, der operative Hochlauf begann Anfang 2026, die ersten Lieferungen verließen den Hub im Februar.
Der Standort versorgt die Buchhandlungen und Spielwarenfachgeschäfte sowie die Onlinekundschaft. Derzeit arbeiten dort etwa 200 Menschen, laut Bürgermeister Thomas Terhorst sollen es bald 600 werden, in der vollen Ausbaustufe bis zu 1.000 Beschäftigte und Auszubildende.
So arbeitet das AutoStore-System
AutoStore ist ein Würfellager. Die Waren liegen in Kunststoffbehältern, die in einem Gitter zu Säulen gestapelt sind, in Marl bis zu 16 Ebenen hoch. Gassen zwischen Regalen gibt es nicht. Auf dem Gitter fahren Roboter auf Schienen, sie sitzen also oben auf dem Lager. Soll ein Artikel aus einem tiefer liegenden Behälter kommen, räumen die Roboter die darüberliegenden Behälter beiseite, heben den gesuchten heraus und bringen ihn zu einem Port am Rand des Systems.
An diesem Port steht ein Mitarbeiter. Die Ware kommt zum Menschen und nicht der Mensch zur Ware. Pick-by-Light zeigt an, welcher Artikel in welcher Menge entnommen wird, laut Planung von Element Logic sind bis zu vier Zielbehälter gleichzeitig möglich. Die Artikel landen in Wannen, die über mehrere Kilometer Fördertechnik zum Warenausgang laufen. Verpackt wird je nach Auftrag und Warenart automatisch oder manuell. Eingelagert wird über eigene Ports, im ursprünglichen Konzept waren das 69 Pick-Ports und 27 Ports für den Wareneingang.
Realisiert hat die Anlage die deutsche Gesellschaft des norwegischen Systemintegrators Element Logic, die als Generalunternehmer für die Intralogistik verantwortlich war. Der Projektleiter beschreibt den Anblick so, dass von der Wartungsbühne aus 530 Roboter über das Gitter tanzen. Das sehe chaotisch aus, folge aber einem „sehr ausgeklügelten System“, das über Jahre optimiert worden sei.
Was das System besonders macht
Das Besondere liegt weniger in einem einzelnen Bauteil als im Zusammenspiel mehrerer Eigenschaften.
Dichte: Weil keine Gassen nötig sind, steht die Ware enger als im klassischen Regallager. In Marl finden bis zu 10 Millionen Artikel in 280.000 Behälterstellplätzen Platz, das System gilt als die derzeit leistungsstärkste Anlage ihrer Art in Deutschland und laut Projektleiter auch weltweit als eine der leistungsstärksten. Für Bücher, die klein, handlich und in enormer Titelvielfalt vorhanden sind, ist das ein passender Zuschnitt.
Parallelität und Skalierbarkeit: Die 530 Roboter arbeiten gleichzeitig und bedienen viele Ports zugleich, statt dass ein einzelnes Regalbediengerät eine Gasse abfährt. Die Leistung wächst mit der Zahl der Roboter. Der Projektleiter nennt für Marl eine Ausbaumöglichkeit bis zu 780 Roboter. Fällt ein Roboter aus, übernehmen die übrigen seine Arbeit, das System bleibt in Betrieb.
Lernende Lagerplatzierung: Die Software sortiert Waren nach Zugriffshäufigkeit. Gängige Titel liegen oben in den Säulen, selten gefragte weiter unten. Weihnachtstitel können im Sommer tief im Stapel ruhen und rücken vor der Saison nach oben. Darüber arbeitet nach Angaben von Kretzschmar ein KI-gestütztes Order-Management-System, das aus Auftragsmustern lernt, wann Bestellungen regelmäßig auf zwei Lager verteilt werden, und vorschlagen kann, Artikel an einem anderen Standort vorzuhalten.
Steuerbare Auftragswellen: Aufträge werden in Wellen freigegeben. Montags gibt es im Geschäft mit Endkunden einen Peak, Neuerscheinungen und Click-and-Collect-Aufträge lassen sich priorisieren und teilweise an der regulären Prozessfolge vorbeiführen. Rebohm formuliert das Ziel so, dass man schnell und flexibel sein und Anforderungen aus dem Markt antizipieren wolle.
Grenzen und Ausblick
Nicht alles passt in einen Behälter. Große oder sperrige Artikel wie Fahrräder oder Spielwaren durchlaufen einen separaten manuellen Prozess, ebenso Sonderfälle wie beschädigte Ware oder Abweichungen vom Lieferschein. Zur Versorgung des AutoStore gehört außerdem ein Schmalganglager mit rund 25.000 Palettenstellplätzen. Es zieht Bestände nach. Sind etwa von 1.000 eingelagerten Exemplaren eines Titels binnen drei Tagen 700 verkauft, stößt das Warenwirtschaftssystem den Nachschub aus dem Palettenlager an.
Marl ergänzt das Thalia-Lager im thüringischen Hörselgau, das Rhenus betreibt und das seit Mai 2025 ebenfalls ein AutoStore-System mit 530 Robotern nutzt, dort mit 240.000 Behältern. Thalia verfolgt damit eine Zwei-Lager-Strategie, bei der Bestände, Nachschub und Auftragsrouting über beide Standorte koordiniert werden.
Auf der Fläche neben dem Hub ist weiterer Ausbau denkbar. Hennig nennt Druckmaschinen für Print-on-Demand, Regale des Thalia-Retail-Konzepts und zusätzliche Umschlagprozesse.
Was wird aus PoD?
Ein konkretes Vorhaben auf dieser Fläche scheint sich allerdings zu verzögern. Im Oktober 2025 hatten Thalia und Elanders Print & Packaging eine langfristige Kooperation für ein Digitaldruckzentrum im Hub angekündigt. Elanders, nach eigener Darstellung Europas führender Digitaldruckdienstleister, sollte Aufbau und Betrieb übernehmen, Thalia Handel, Vertrieb und die Kontakte zu den Verlagen einbringen. Ziel war ein Modell, das Print-on-Demand eng mit der Logistik verzahnt und Verlage entlasten soll.
Ein Jahr später ist davon im Hub noch nichts zu sehen. In den Mitteilungen zur Eröffnung taucht das Digitaldruckzentrum nicht auf, und Hennig führt Druckmaschinen für Print-on-Demand lediglich als denkbare künftige Nutzung der Nachbarfläche an. Einen Starttermin hat Thalia nach den vorliegenden Informationen nicht genannt, Gründe für die Verzögerung ebenfalls nicht. Thalia hat sich auf Nachfrage zu dem Thema nicht geäußert.
Unterm Strich bleibt die Botschaft des Standorts eindeutig. Thalia investiert in Kapazität, bevor das Wachstum aus Online, Spielwaren und buchnahen Sortimenten die Logistik an ihre Grenzen bringt.