Around the Book World

Published: 25.8.2026

Jede Woche fasst unser Kolumnist Carlo Carrenho die internationale News der Branche zusammen. Diesmal: Amazon scannt Bücher, Tonies wächst, Polen verlegt für Deutschland

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Die Bücher, die Amazon kauft – und nicht verkauft

Ars Technica berichtet, dass Amazon seltene und ältere Bücher über kommerzielle Kanäle kauft und sie an eine Einrichtung in Las Vegas schickt, wo Mitarbeiter die Buchrücken entfernen und die Seiten einscannen, wodurch die Bücher faktisch zerstört werden. Der Bericht stützt sich auf eine Untersuchung von 404 Media, bei der ein AirTag aufgespürt wurde, der in einem seltenen Buch versteckt war, das im Rahmen einer Großbestellung an die Einrichtung verkauft wurde. Amazon lehnte es ab, sich konkret dazu zu äußern, ob die Bücher für das Training von KI verwendet werden, und erklärte lediglich, dass das Unternehmen „Bücher über kommerzielle Kanäle erwirbt, um die Produkte und Dienstleistungen, die unsere Kunden nutzen, weiterzuentwickeln und zu verbessern“.

Carlo's take: Damit scheint sich Amazon in die wachsende Liste von Unternehmen einzureihen, von denen berichtet wird, dass sie Bücher für das Training von KI erwerben – ein Thema, das bereits die Aufmerksamkeit der Buchbranche auf sich gezogen hat (einschließlich einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung von Ingram, wie von Publishers Weekly berichtet). Neben den rechtlichen Fragen, wie urheberrechtlich geschützte Inhalte für das Training von KI verwendet werden dürfen, fügt Amazons Beteiligung dem Ganzen eine weitere Dimension hinzu.
Foto: Magnific

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Tonies gibt weiter den Ton an

Das Kinder-Audiounternehmen Tonies meldete für das erste Halbjahr 2026 einen Umsatz von 242,9 Mio. €, ein Plus von 38 Prozent im Jahresvergleich bzw. 41 Prozent auf währungsbereinigter Basis, wie aus seiner Mitteilung vom 20. August hervorgeht. Nordamerika, inzwischen sein größter Markt, war auch der am schnellsten wachsende: Der Umsatz stieg dort um 48 Prozent auf 104,3 Mio. €, während die DACH-Verkäufe um 26 Prozent und der Rest der Welt um 41 Prozent zulegten. Die starke Nachfrage nach der Toniebox 2 trieb das Wachstum, und Tonies erklärte, Märkte außerhalb der DACH-Region machten inzwischen 63 Prozent des Konzernumsatzes aus. Das Unternehmen bekräftigte seine Jahresprognose von mehr als 760 Mio. € Umsatz und einer bereinigten EBITDA-Marge von 9 bis 11 Prozent.

Carlo's take: Das anhaltende Wachstum von Tonies über seinen ursprünglichen, reiferen DACH-Markt hinaus ist bemerkenswert und zeigt, wie wichtig Speaker-Boxen für Kinderhörbücher werden – und potenziell für den Aufbau eines Publikums, während diese Kinder heranwachsen. Tonies ist nicht allein: Das britische Yoto ist ebenfalls international tätig, dazu kommen Faba in Italien, Galakto in Deutschland und einige andere. Zugleich ist Tonies noch längst nicht in jedem Markt präsent, sein Geschäft konzentriert sich bislang weitgehend auf die DACH-Region, englischsprachige Märkte und Frankreich. Das lässt eine interessante Frage offen, die man beobachten sollte: Wohin wird Tonies seine internationale Expansion als Nächstes tragen?

Das Foto (Copyright: Tonies) zeigt CEO Tobias Wann und CFO Hansjoerg Müller.

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Shueisha zahlt es den Manga-Piraten mit gleicher Münze heim

Shueisha kündigte den Start von MANGA MILLION an, einen kostenlosen weltweiten digitalen Manga-Dienst zum 100-jährigen Bestehen des japanischen Verlags. Bis Dezember 2027 verfügbar, bietet der Dienst 1 Mio. Seiten aus rund 400 Manga-Titeln, von professionellen Übersetzern in mehr als 100 Sprachen übertragen, wobei in Japan nur begrenzte Inhalte verfügbar sind. Rund 300 Titel erhalten erstmals englische Übersetzungen, während Werke wie One Piece, Naruto, Bleach, Demon Slayer, Jujutsu Kaisen, Nana und Spy × Family zu den enthaltenen gehören. Shueisha plant zudem die nahezu zeitgleiche Veröffentlichung der neuesten Kapitel von rund 30 laufenden Reihen, in der Regel zwei bis drei Wochen nach ihrer japanischen Veröffentlichung.

Carlo's take: Der Schritt ist in zweierlei Hinsicht besonders interessant. Erstens könnte es, während Japans Manga-Industrie mit weitverbreiteter Sorge über digitale Piraterie im Ausland ringt, eine weitere Möglichkeit bieten, mit der unautorisierten Verbreitung zu konkurrieren, wenn eine so große Menge an Inhalten vorübergehend kostenlos verfügbar gemacht wird. Zweitens spiegelt er eine breitere Verschiebung unter japanischen Verlagen wider, ihre Inhalte direkt in anderen Sprachen zu veröffentlichen, statt sich ausschließlich auf die Lizenzvergabe an ausländische Verlage zu verlassen. MANGA MILLION könnte Shueisha zudem umfangreiche Daten über Leserschaft und Konsumverhalten in globalen Märkten liefern.

Bookwire geht in die Niederlande – und aufs Ganze

Laut Publishing Perspectives, haben Bookwire und der niederländische Buchvertrieb CB (Centraal Boekhuis) eine langfristige strategische Partnerschaft für den digitalen Vertrieb in den Niederlanden angekündigt. Bookwire hat CBs digitalen Katalog von rund 80.000 E-Books und 25.000 Hörbüchern übernommen und die digitale Auslieferung für dessen Netzwerk übernommen, während Verlage weiterhin über die bestehende Schnittstelle von CB arbeiten. Die Zusammenarbeit bedient mehr als 500 Verlagspartner und verteilt Inhalte an mehr als 200 Kanäle, darunter Kobo, die Königliche Bibliothek der Niederlande und mehr als 130 lokale Webshops. CB erklärt, der Schritt erlaube es, Altsysteme abzulösen und zugleich die Vertriebsplattform von Bookwire zu übernehmen.

Carlo's take: Das mag wie eine routinemäßige Nachricht zum digitalen Vertrieb aussehen, doch CBs Stellung als wichtigster Buchvertrieb der Niederlande macht die Partnerschaft zu einem bedeutenden Markteintritt für Bookwire und bringt das Unternehmen in eine starke, potenziell dominierende Position im digitalen Buchvertrieb dort. Bemerkenswert ist auch, dass CB, traditionell ein Print-Buchvertrieb, die Partnerschaft als Weg sieht, Altsysteme abzulösen. Da Bookwire von VC-Kapital von Insight Partners gestützt wird, dürfte sich seine Technologie weiterentwickeln. Nicht zu vergessen: Die Niederlande sind ein wichtiger Markt für E-Books und Hörbücher, mit starkem digitalem Vertrieb über Bibliotheken, und einer der zehn Kernmärkte von Storytel.

KI und BI für Verlagsmenschen – made in Brazil

Brasiliens PublishNews berichtet über den Start von Publitik, einer abonnementbasierten Markt-Intelligence-Plattform, die weltweit Nachrichten aus der Buchbranche, Studien, Bestsellerlisten, Social-Media-Trends und weitere Indikatoren in Echtzeit verfolgt. Mithilfe von KI-Agenten sammelt Publitik Informationen aus Fach- und allgemeinen Medien in Dutzenden Ländern und erlaubt es Verlagsprofis, Themen, Märkte, Autoren und Bücher zu beobachten und Benachrichtigungen individuell einzustellen. Die Plattform hat derzeit rund 100 Abonnenten, und eine mobile App soll noch vor Jahresende starten.

Carlo's take: Das ist eine interessante Anwendung von KI für die Verlagsbranche: Publitik ist im Kern ein globales Business-Intelligence-Werkzeug, das KI nutzt, um Buchprofis schnelle, tiefgehende Analysen auf Basis von Informationen aus Märkten rund um die Welt zu liefern. Bereits auf Englisch wie auf Portugiesisch verfügbar, versucht die Plattform zudem, Bestsellerlisten aus mehreren Ländern zusammenzuführen, um einen breiteren Blick darauf zu geben, was in einzelnen Märkten verkauft wird und welche Titel sich als globale Bestseller herauskristallisieren.

Polnische LEGOs überqueren gedruckt die deutsche Grenze

Laut Börsenblatt wird Ravensburger mit seinem Frühjahrsprogramm 2027 eine Auswahl an Lego-Büchern des polnischen Kinderbuchverlags Ameet in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreiben. Über die Partnerschaft sollen rund 40 Neuerscheinungen und 60 Backlist-Titel über Ravensburger vertrieben werden, darunter Beschäftigungsbücher zu Lego Ninjago, Lego Star Wars und Lego Minecraft. Ameet, das 2015 in den deutschsprachigen Markt eintrat, erklärt, die Vereinbarung werde seine Reichweite über die Buch- und Spielwaren-Handelskanäle in der DACH-Region ausweiten.

Carlo's take: Der polnische Buchmarkt wird gern unterschätzt, und der Deal zwischen Ameet und Ravensburger ist ein weiteres Beispiel für die Dynamik und den Unternehmergeist aus Polen. Die Partnerschaft verweist zudem auf ein interessantes Modell: ein Verlag, der fremdsprachige Inhalte für den direkten Vertrieb in einem anderen Markt produziert – in diesem Fall deutschsprachige Bücher, die in Polen für deutschsprachige Leser entwickelt werden. Da Übersetzung zunehmend zugänglich wird und das Verlegen globaler wird, könnten wir mehr Unternehmen sehen, die Bücher – gedruckt wie digital – in anderen Sprachen als ihrer eigenen produzieren.

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Spiracle dreht in Großbritannien die Lautstärke auf

The Bookseller berichtet, dass das britische Spiracle Audiobooks eine neue Plattform und App, „Spiracle 2.0“, starten wird und seinen Katalog von rund 2.000 Hörbüchern auf mehr als 70.000 ausweitet, darunter Titel großer Verlage ebenso wie unabhängiger. 2022 gegründet, um kleine und unabhängige Verlage zu fördern, erklärt Spiracle, der erweiterte Dienst werde auf menschliche Kuratierung, Empfehlungen aus der Community und den Besitz gekaufter Hörbücher durch die Kunden setzen. Die Mitgliedschaft beginnt bei 8,95 £ (10,44 €) pro Monat, einschließlich eines Hörbuch-Guthabens monatlich, während zu den neuen Verlagsbeziehungen Penguin Random House und Bloomsbury zählen. Spiracle plant zudem, seine Arbeit mit britischen Buchhandlungen über Hörbuch-Clubs und eine Ausweitung seines Programms Audiobook in a Card zu vertiefen.

Carlo's take: Ein stärkerer Hörbuchmarkt braucht Händler jenseits der großen globalen Plattformen, weshalb der Start von Spiracle 2.0 mehr als willkommen ist. Die Expansion unterstreicht auch, wie entscheidend die Katalogbreite für kleinere Händler ist, die wachsen und mithalten wollen: Spiracle hat seinen ursprünglichen Fokus auf unabhängige Verlage erweitert und Titel großer Häuser hinzugefügt. Verbraucher wollen Auswahl und einen umfassenden Katalog, und ohne ihn tendieren sie eher zu den größten Plattformen. In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass die Erhaltung eines wettbewerbsfähigen Marktes erfordert, dass Verlage – und besonders Aggregatoren und Distributoren – ihre Kataloge auch kleineren Plattformen und nicht nur den dominierenden Akteuren zur Verfügung stellen.

Foto: Spiracles Hörbuch auf einer Karte © Benjamin Carter-Brown

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Was mir sonst noch aufgefallen ist

Ein Puppenbuch. Gzero Media hat ein herrlich ironisches Puppenvideo mit dem Titel „World Leader Book Club“ produziert, das zeigt, was Putin, Trump, Lula, Merz und andere Politiker auf ihrem Nachttisch liegen haben könnten. Hier ansehen.

Ein Wikinger-Appetit. Der dänische Verlag Saga Egmont hat den Berliner Kinderbuchverlag Kindermann Verlag übernommen, seine dritte deutsche Akquisition nach dotbooks und Gmeiner. Laut Börsenblatt.

Ein glücklicher Tango. Argentiniens Regierung hat Pläne zur Abschaffung der Buchpreisbindung des Landes fallen gelassen, nach starkem Widerstand von Buchhändlern und Verlagen. Laut PublishNews Spain.

Ein Pint für die Buchhandlung. Mehr als 200 unabhängige britische Buchhandlungen fordern die Regierung auf, ihnen dieselbe Gewerbesteuer-Entlastung zu gewähren, die kürzlich Pubs, Clubs und Live-Musik-Spielstätten zugestanden wurde. Laut
The Bookseller.

Ein Saunamord. Die Buchverkäufe in Finnland wuchsen von April bis Juni um über 4 % im Jahresvergleich, wobei gedruckte Bücher zulegten und Kriminalromane die Sommerverkäufe anführten. Laut Yle.

Eine Manga-Domain. Kodansha bewirbt sich um die Top-Level-Internetdomain „.manga“, um der Verbreitung von Manga-Piraterie-Websites entgegenzuwirken. Laut Bunka News.

Ein biblisches Bündnis. Deutschlands evangelische und katholische Bibelgesellschaften bündeln erstmals ihre Kräfte, um die Jubiläen ihrer jeweiligen modernen Übersetzungen zu feiern. Die ökumenische Kampagne umfasst Sonderausgaben und gemeinsame Werbung in Buchhandlungen. Laut Börsenblatt.

Carlo

Der Autor dieser Kolumne kehrt erholt zurück, nach einem Monat in seinem sardischen Paradies Santu Lussurgiu, und behauptet, bereit für ein weiteres Jahr an dieser Stelle zu sein. Auf seiner traditionellen Heimfahrt nach Schweden machte er in Nördlingen halt, seiner liebsten romantischen deutschen Stadt: ein mittelalterliches Kleinod, vollständig von seiner Stadtmauer umschlossen und gelegen in einem Krater, der vor rund 15 Millionen Jahren durch einen Asteroideneinschlag entstand. Ihre historischen Gebäude enthalten Millionen mikroskopisch kleiner Diamanten, die durch den Einschlag entstanden, und Nördlingen war zudem die Heimatstadt des legendären Fußballers Gerd Müller, des „Bombers der Nation“ – was fast schon Grund genug für einen Besuch ist. Der eigentliche Grund liegt jedoch 15 Kilometer entfernt in Oettingen: das Boteco La Dhany und seine authentische Küche aus Bahia. Geologie ist faszinierend, Fußballgeschichte ist großartig, aber gegen brasilianisches Essen kommen sie nicht an.

Anmerkung der Redaktion: Ein weiterer Diamant sitzt in Nördlingen – die GmbH des DIGITAL PUBLISHING REPORT

Die Kolumne erscheint montags im Original bei Publishing Perspectives auf Englisch,  Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von PP.